Roger Cicero – Beziehungsweise

Anfang Oktober hatte das Warten ein Ende: Roger Ciceros zweite CD ist erschienen. Das Werk heißt „Beziehungsweise“.

 

Und was eigentlich von Anfang an nervt, ist die Tatsache, dass es offenbar momentan in ist, von jeder CD gleich mehrere Versionen unter das Volk zu bringen. Das allein ist ja erst mal nicht verwerflich, aber wenn jede Version ihren eigenen Bonus-Track beinhaltet, fragt man sich als Fan schon, was das soll. Schließlich will ich nicht die CD gleich dreimal kaufen müssen. Also, neben der Normalversion für Normalsterbliche gibt es eine Deluxe-Version inklusive einer DVD mit einem Interview und drei Videos. Dazu halt der Bonustrack „heute Abend“. Bei itunes kann man dann noch den Song „Swing ist mein Rock“ runterladen und bei Saturn gibt es natürlich eine Saturn-Version, die zusätzlich den Track „Dein Vater“ enthält. Es erfordert schon einiges an Aufwand, um am Ende des Tages eine CD mit allen neuen Tracks zusammen zu bekommen.

Aber genug der Beschwerde. Kommen wir zur eigentlichen Sache, denn über diese CD muß man schon das ein oder andere Wort verlieren. Zunächst ist Roger der Drahtseilakt zwischen Weiterentwicklung des eigenen Stils sowie der direkten Anknüpfung an dem Vorgängeralbum gelungen. Wenn man „Beziehungsweise“ startet, klingt das stilistisch zunächst genauso wie der Vorgänger „Männersachen“. Daneben merkt man jedoch schnell, dass man aber neue musikalische Stile aufgreift und diese gekonnt (oder besser gesagt genial) in den Big-Band-Sound integriert.

Das erste Stück ist zugleich auch die erste Single, die sich immerhin aus Platz 72 der deutschen Single-Chart platzieren konnte: Die Liste. Dieses Stück hatte ich zunächst im Internet als Preview gehört und da hat es mich nicht wirklich vom Hocker gerissen. Aber spätestens seit der Live-Premiere beim Köln-Konzert hat mich dieses Lied überzeugt. Man muß es wohl mehrmals hören, bis sich die Melodie ins Hirn einbrennt – und dann wird man dieses Stück nicht mehr so ohne weiteres los. Genial ist übrigens das Zwischen-Trompeten-Solo und als neue Klangfarbe eine Hammond-Orgel. Insgesamt ein sehr grooviger Titel, der einen mit der Zeit mitreißt.

Weiter geht es dann mit „Nimm Deinem Kerl zurück, Annette“. Hier geht es darum, dass der Ex-Freund, den Annette verlassen hat, nun bei Roger wohnt und diesen mit seinem Gejammer und Selbstmitleid zur Verzweiflung bringt. Der Text ist gewohnt witzig und kommt mit einem klassischen Swing-Rhythmus daher. Dieses Stück ging mir direkt ins Ohr und ist eines meiner Lieblingslieder.

Track 3 ist „Kein Abendessen bei Lutz und Tina“. Hier möchte Roger nicht mit zum Abendessen von Freunden, erfindet irre Ausreden „Mein Hals kratzt, auf RTL kommt ein Mike-Krüger-Film oder der Dachboden muß unbedingt mal aufgeräumt werden“. An dieser Stelle würde es mich mal brennend interessieren, ob mit Lutz DER Lutz gemeint ist. Interessant ist nämlich in dem Zusammenhang die Textzeile „er unterbricht mich permanent und singt selbstgeschriebene Lieder“. Ein Schelm, wer dabei was Böses denkt. Musikalisch knüpft auch dieses Stück an Männersachen an: ein perfekt gemachter Swing-Sound, der sofort ins Ohr geht.

Weiter geht es mit Track 4 und hier kommen ungewohnte Töne zu Gehör. „Und sie will es nun mal“ startet gleich mit rassigen Sambo-Rhythmen. Das ganze hat was von Buono Vista Social Club und könnte ebenso ein neues Stück der kubanischen Vollblutmusiker sein. Das ist ein Rhythmus, der sofort ins Blut geht und einen regelrecht mitreißt. Dazu ein irrsinnig witziger Text, der mich mit den Dickköpfen unserer weiblichen Partnerinnen auseinandersetzt. „Die Eva hat’nen dicken Bauch – das will ich auch“

Der Refrain ist vielleicht etwas schwer mitzusingen, denn dort schmeißt Roger mit einigen Fremdwörtern nur so um sich: „Du diskutierst, argumentierst, analysierst und kalkulierst und debatierst und polemisierst, Du implezierst und suggerierst. Was unterm Strich herauskommt, ist eigentlich egal. Denn am Ende Deiner Worte steht SIE… und sie will es nun mal.“ Und in der nächsten Strophe sind das natürlich komplett andere Wörter. Aber das Stück ist so gut, dass man es oft genug hört, bis man auch den Refrain mitsingen kann.

Track 5 ist ein ruhiger Titel und kommt etwas bluesig daher. Bei „Ich hab das Gefühl für Dich verloren“ hört man im Hintergrund wieder eine Hammond-Orgel und das Stück besticht mit einem genialen Saxophon-Solo. Und in diametralen Gegensatz zum Titel singt Roger dieses Lied mit einem unglaublichen Gefühl, das einem schon die Elefantenpickel wachsen.

Track 6 ist ein echter Höhepunkt: „Das Experiment“ hat mir bereits auf dem Köln-Konzert gefallen und hat einen unglaublichen Groove. Wie ich finde, harmonieren Rogers Stimme und die Band in einem besonderen Maße.

„Wovon träumst Du nachts?“ nimmt erst mal brutal das Tempo aus der CD. Dieser Track ist ein sehr ruhiges Stück, wo Roger zunächst alleine vom Piano begleitet seine Wahnsinnsstimme zum Besten gibt. Nach der ersten Strophe kommen (wieder völlig ungewohnt) Streicher zum Einsatz, so dass zusammen mit den Bläser schon fast ein orchestrales Werk entsteht. Roger ist hier (eigentlich wie immer) selbst in den höchsten Tönen absolut sicher.

Nach dem ruhigen Stück nimmt die CD wieder deutlich an Fahrt zu. Wieder reißen einen heiße Samba-Rhythmen einen aus irgendwelchen Träumen, in denen man nach dem vorherigen Lied noch steckt. „Die Mutter“ handelt von den typischen Telefongesprächen zwischen Mutter und erwachsenen Sohn („Ernährst Du Dich auch richtig?“). Genial ist hier auch der Männerchor (die Band, die mal herzhaft „la la la la“ singen darf) gegen Ende des Stücks. Musikalisch wieder absolut kubanisch. Und das Text wieder mal unglaublich witzig ist, muß an dieser Stelle wohl nicht erwähnt werden.

„Schöner war’s ohne“ ist wieder deutlich ruhiger. Offenbar hat man es bei der Zusammenstellung auf die häufigen Tempowechsel abgesehen. Und es wirkt, denn bis hier wirkt das Album alles andere als langweilig. In diesem Stück beschreibt Roger, wie doch früher alles besser war – eine Einstellung, die absolut nachvollziehen kann. „Mit Skistöcken laufen, Hartz IV und Kondome – man gewöhnt sich an alles, aber schöner war’s ohne“. Obwohl das Lied etwas ruhiger daher kommt, hat es schon ein ansprechendes Tempo.

„Alle Möble verrückt“ ist wieder so ein Hammerstück – ebenfalls mit einer Hammond-Orgel im Hintergrund. Es ist unglaublich temporeich und hat eine sehr eingängige Melodie. Beim Köln-Konzert haben die Jungs das Stück vorgestellt und bereits nach der ersten Strophe ging einem die Melodie nicht mehr aus dem Kopf. Wenn es ein Stück mit Ohrwurm-Charakter gibt, dann ist es dieser Titel – absolut. Beim Konzert wurde das Lied sogar einen Tick schneller gespielt. Aber auch auf dem Album ist nicht gerade lahm…

Und weiter geht es mit dem fröhlichen Tempowechsel: „Gute Freunde“ ist wieder ruhigeres Lied. Zu Beginn mochte ich es nicht so besonders, aber nach mehrmaligem Hören gewinnt man einen Zugang dazu. Das kommt daher, dass das Lied einige Tempo- und Taktwechsel aufweist, so dass der Verlauf des Tracks von Überraschungen geprägt ist, weil zwischen Strophe und Refrain das Tempo variiert.

Track 12 ist nun ein Stück, mit dem ich persönlich nicht so viel anfangen kann. Es ist sicher eine bewegende Hommage von Roger an seinen verstorbenen Vater Eugen Cicero. Es ist auch absolut genial arrangiert mit Streicher, wobei alle Instrumente sich schon im Hintergrund halten, so dass Rogers Stimme absolut im Vordergrund steht. Ja, sogar eine Fülle von jazzigen Elementen sind im Gesang vorhanden. Etwas, was ich eigentlich sehr gerne habe. Kurz und gut: eigentlich hat dieses Lied alle Zutaten, damit es mir gefallen könnte. Aber irgendwie will es mir aus mir unerfindlichen Gründen einfach nicht zusagen. I

Track 13 ist ein Bonustrack und wird die neue Single ab Ende November. „Bin heute Abend bei Dir“ ist ein Weihnachtslied, womit es sich bei mir von vorne rein disqualifiziert hat. Ich gebe zu: es ist musikalisch perfekt gemacht und ist im Stile der klasssichen 50er Weihnachtslieder aus USA. Aber ich mag keine Weihnachtslieder – und vor allem stört es mich, wenn ich das Album im Mai höre, und plötzlich die Glocken á la Jingle Bells läuten. Deswegen könnte ich ganz gut auf das Stück verzichten.

Fazit: Dieses Album besticht vor allem durch zwei Sachen. Zum einen ist äußerst abwechslungsreich und bietet darüber hinaus neue Klangfarben im Vergleich zum Debut-Album „Männersachen“. Die Texte sind absolut witzig und unterhaltsam. Und zu Rogers Stimme muß ich ja nicht viel schreiben: Genial, wie eh und je. Er kann es einfach (das sollte spätestens bei dem Auftritt bei TV Total und seiner genialen Kiss-Interpretation auch dem letzten Zweifler bei der Süddeutschen Zeitung klar sein).

Unterm Strich finde ich das Album erstklassig. Auf den letzten Track hätte ich gut und gerne verzichten können, aber gibt selten Alben, wo man mit allen Titel gleichermaßen zufrieden ist. Ich freue mich schon auf die Tour 2008 und auf eine geniale Mischung zwischen Männersachen und Beziehungsweise. Denn beide Alben sind gleich stark…


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