ESC 2012: Es ist gut, eine Wahl zu haben… Danke, Anke!

Der 57. Eurovision Song Contest fand gestern statt und hat mit dem schwedischen Beitrag einen – wie ich finde – würdigen Sieger gefunden. Daneben gab es einige unterirdische Beiträge (Was die Briten mit der Nominierung von Engelbert Humperdinck getrieben hat, wird wohl immer deren Geheimnis bleiben – ich verstehe halt den britischen Humor nicht), interessante Beiträge (Albanien mit – sagen wir mal – einem eher experimentellen Stück) und recht guten Beiträgen (Italien war für mich der beste Beitrag). Es hätte also ein durchschnittlicher ESC werden können (erwartungsgemäß erreichte die Eröffnung nicht annähernd das Niveau vom Vorjahr). Hätte – wären da nicht das Geklüngel der Präsidentenfamilie und die diversen Menschenrechtsverletzungen in  Aserbaidschan.

Es ist schon merkwürdig, wenn der Schwiegersohn des Präsidenten İlham Əliyev, ein Sänger namens Enim, den Pausenact bestreiten darf. Es ist aber verstörend, wenn dieser Auftritt so pompös und gleichzeitig lächerlich ist, wie es nur in einem totalitären System möglich ist. Nach dreiminütigen Vorspiel schwebt das Familienmitglied von der Decke der Crystal-Hall auf die Bühne, um dann ein mehr als dürftiges Popstückchen zum Besten zu geben. Selten war die Zeit zwischen Schnelldurchlauf und Punktevergabe besser genutzt zur Toilettenpause als gestern.

Aber das Geklüngel ist nur ein Nebenaspekt in der vielfältigen Diskussion im Vorfeld der Veranstaltung. Viel schwerwiegender sind die in den Medien gemeldeten Menschenrechtsverletzungen: Noch vor dem Finale des ESC hat die Polizei 60 Demonstranten festgenommen. Dabei haben die sowas verwerfliches wie “Freiheit!” gerufen. Auch Amnesty International hat im Vorfeld Polizei-Wilkür in dem Land beklagt.

Da stellt natürlich die Frage, wie man mit dieser Situation umgehen soll. Boykott? Die in meinen Augen einzige richtige Reaktion kam gestern Abend von Anke Engelke. Völlig überraschend und auf dem ersten Blick so nebensächlich hat sie auf die politische Situation in Aserbaidschan aufmerksam gemacht, dass den Moderatoren nichts anderes übrig geblieben ist, als freundlich zu lächeln. Denn als im Rahmen der Punktevergabe Deutschland an der Reihe war, bedankte sich Anke Engelke erstmal brav für die tolle Show des Abends, dann auf deutsch bei allen deutschen Helfer (denn faktisch war das eine deutsche Show), um dann zum Schluß sehr elegant zum Ergebnis des deutschen Votings umzuleiten. Sie sagte:

Heute Abend konnte niemand für sein eigenes Land abstimmen. Aber es ist gut, wählen zu können. Und es ist gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf Deiner Reise, Aserbaidschan! Europa beobachtet Dich! Und hier sind die Ergebnisse der deutschen Jury…

Bumm, das saß! Da alles live war, konnte nichts rausgeschnitten werden – was bei der Punktevergabe auch sehr schwer gewesen wäre. 120 Millionen Zuschauer (und auch die in Aserbaidschan) sahen dieses Statement zur politischen Situation im Land am kaspischen Meer. Dafür kann ich nur eines sagen: Danke, Anke!

In diesem Sinne

Tot ziens

Aktualisierung am 28.05.2012 – 20:33 Uhr: Das Youtube-Video musste ausgetauscht werden, da das ursprüngliche Video vom Nutzer entfernt worden ist.

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