Sturm im Wasserglas wegen Fake-Dr.

Gestern berichtete der Spiegel über eine Razzia bei der Bloggerin Eva Ihnenfeldt in ihrer Privatwohnung sowie an ihrem Arbeitsplatz bei den Ruhrnachrichten. Dabei konnte man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass die Razzia allein wegen eines Blogeintrags der Dame vom 23.März des letzten Jahres (also 2012) erfolgte. In diesem brüstet sich Frau Ihnenfeldt damit, dass sie sich zum Geburtstag einen Fake-Doktortitel (Dr. h.c. of Ministry [USA]) gegönnt hätte. Immerhin ist das Führen von nicht rechtmäßigen Titeln nach § 132a StGB „Missbrauch von Titeln, Berufsbezeichnungen und Abzeichen” eine Straftat, die mit Geldstrafe oder einem Jahr Gefängnis geahndet wird.
Ui, wird das der ein oder andere sagen: Ist das nicht was unverhältnismäßig für einen dummen Scherz? Denn genau dieser Eindruck wird in dem Artikel erweckt. Und in den Kommentaren wird dann auch postwendend von Stasi-Methoden gesprochen und auf die Justiz und unseren Staat insgesamt geschimpft. Nun ja, jetzt muss man sich nicht wundern, dass wenn man sich mit einer Straftat brüstet, die Justiz dann irgendwann auch tätig wird. Jan Theofel faßt es in seiner Betrachtung der Affäre eigentlich ganz gut zusammen:

Und auch wenn das als Scherz beschrieben ist – ein Scherz macht aus einer Straftat nicht plötzlich eine zulässige Handlung. Wenn ich in meinem Blog darüber scherzen würde, dass ich ein Heft am Bahnhofskiosk geklaut hätte, müsste ich wohl auch mit einem Besuch der Polizei bei mir rechnen.

Liest man jedoch den Spiegel-Artikel ganz durch, sollte man jedoch stutzig werden. Denn nachdem die Unverhältnismäßigkeit der Hausdurchsuchung durch viele rhetorische Fragen kritisiert wird, läßt man gegen Ende die Staatsanwaltschaft zu Wort kommen. Und dabei heißt es:

Bei der Staatsanwaltschaft heißt es, man habe ursprünglich gegen den Verkäufer der Titel ermittelt. Dabei sei man auch auf einige Dutzende Titelkäufer gestoßen, auf die dann die Ermittlungen ausgeweitet wurden.Bei der Staatsanwaltschaft heißt es, man habe ursprünglich gegen den Verkäufer der Titel ermittelt.

Ach so, man ermittelte gegen den Hehler und hat dabei verständlicherweise auch die Kunden irgendwann ins Visier genommen. Möglicherweise kannte die Staatsanwaltschaft noch nicht mal den Blogartikel von Frau Ihnenfeldt (was mich bei weitverbreiteten Ahnungslosigkeit über das Internet nicht sonderlich überraschend ist). Natürlich gibt es auch in den Ruhrnachrichten (Frau Ihnenfeldt ist dort ja Journalistin) einen Bericht über diesen Vorfall. Dort ist von 60 Beschuldigten in dieser Sache die Rede.
Nichtsdestotrotz wird dies natürlich als willkommenen Anlaß genommen, sich über Verschwörungstheorien auszulassen. Da wähnt sich die Autorin Opfer einer perfiden Rache-Kampagne:

Hinter der Durchsuchung ihrer Wohnung und Büroräume vermutete Eva Ihnenfeldt einen Racheakt von prominenten Ehrendoktoren, die sie in ihrem Blog erwähnt hatte.
„Will man mich als fröhliche Bloggerin zurechtweisen und ein wenig einschüchtern?“

Klar, die erwähnten Herren Dr. h.c. Wolfgang Thierse, Dr. h.c. Joachim Gauck und Dr. h.c. Carsten Maschmeyer haben nichts besseres zu tun, als gegen einen inhaltlich dünnen Blogartikel in dieser Form vor zu gehen.

Es ist schon faszinierend, dass in Zeiten von Zypern-Krise, Boston-Attentat, Nordkorea-Konflikt, Bundestagswahlkampf, Frauenquote in Vorständen, Champions League-Halbfinale und Explosion in einer Düngermittel-Fabrik in Texas die Medien immer noch Zeit und Muße für die wirklich wichtigen Dinge im Leben finden.

In diesem Sinne
Tot ziens

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