Der Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz

Manchmal frage ich mich, ob unsere Politiker keine anderen Probleme haben. So habe ich vor einigen Tagen einen Artikel in Spiegel-Online gelesen, dass einen Vorschlag gäbe, den Platz vor dem neuen jüdischen Museum nach Moses Mendelssohn zu benennen. Die Bezirksverordnetenversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg sträubt sich jedoch, diesem Vorschlag nachzukommen. Warum? Weil er dem falschen Geschlecht angehörte. Denn das Bezirksparlament hat im Jahr 2005 den Beschluss gefasst, dass Straßen und Plätze zu 50 Prozent nach Frauen benannt werden sollten. Bis das erreicht sei, sollen bei Neubenennungen nur noch im Ausnahmefall Männer geehrt werden. Nun wurden Moses Mendelssohn seit 200 Jahren keine Straße in Berlin benannt, weil er Jude war. Jetzt ist das also nicht mehr ein Hindernis, sondern er war halt keine Frau. Bis hierhin war die Geschichte schon recht skurril, wie ich finde. Aber der Spiegel-Bericht endet mit folgenden Worten:

Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, so heißt es, überlege man nun, um der Geschlechterparität Genüge zu tun, Mendelssohns Gattin Fromet auf dem Straßenschild mitzuehren. Die ist zwar historisch unbedeutend. Aber eine Frau.

Als ich das gelesen hatte, habe ich mal herzhaft gelacht. Diese Spiegelautoren sind ja echte Witzbolde. Ein guter Gag zum Thema Deutscher Regulierungswahn…

Doch im Nachhin ist mir das Lachen im Halse stecken geblieben, als ich gestern im Deutschlandfunk gehört habe, dass die Bezirksverordnetenversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg tatsächlich diesem Kompromissvorschlag zugestimmt hat. Als Begründung erklärt die kulturpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Miriam Noa:

„Mendelssohn verkörpert in herausragender Weise die historischen Werte, für die auch das Jüdische Museum steht. Als erster und prominenter jüdischer Aufklärer verband er selbstverständlich seine jüdische Herkunft mit der deutschen Gesellschaft, der er sich gleichermaßen zugehörig fühlte. Sein Freund Lessing hat ihm in seinem Drama „Nathan der Weise“ ein literarisches Denkmal gesetzt. Der Toleranzgedanke, das gleichberechtigte Miteinander jüdischer, christlicher und islamischer Religion, sind auch für unser Zusammenleben in Friedrichshain-Kreuzberg und weit darüber hinaus von großer Aktualität. Moses Mendelssohn bietet sich wie kein zweiter als Namenspatron für diesen Platz in der Mitte Berlins an.

Darüber hinaus symbolisieren die Mendelssohns eine für die damalige Zeit erstaunlich fortschrittliche Ehe, die von gegenseitiger intellektueller Bereicherung und Wertschätzung geprägt war.

Es ist deshalb sehr erfreulich, dass die BVV mit ihrem heutigen Beschluss dieses Ehepaar gleichberechtigt ehrt“

Ist das nicht putzig…?

Zum einen: Formal hat durch die Benennung des Platzes nach dem Ehepaares nichts zum Ausgleich der ungerechten Geschlechterverteilung in den Straßennamen beigetragen. Zum anderen: man bemerkt, dass man bei der Begründung der Namensgebung schon um einige Ecken denken muss, um einen Bezug zu Fromet Mendelssohn herzustellen. Und: eine solche Paarlösung erzeugt nur Straßennamenmonster. Ich freue mich schon auf:

  • Der Peer-und-Gertrud-Steinbrück-Weg
  • Die Joachim-Gauck-und-Daniela-Schadt-Allee
  • Die Gerhard-Schröder-und-Doris-Schröder-Köpf-Straße
  • Der Joschka-Fischer-und-Edeltraud-Fischer-und-Inge-Vogel-und-Claudia-Bohn-und-Nicola-Leske-und-Minu-Barati-Platz

Gerade der letzte Vorschlag würde das Unverhältnis zwischen Männer und Frauen in Straßennamen deutlich ausgleichen…

In diesem Sinne
Tot ziens

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