Ein Plädoyer für das Wählen

Am Sonntag ist Bundestagswahl! Der ein oder andere wird sagen „Na, und? Was soll ich da wählen? Ich kann doch sowieso nichts ändern. Die machen doch eh, was sie wollen!“ Wer will es einem verdenken, wenn man solche resignierenden Gedanken hat. Vorallem wenn man sich die Ausgangssituation anschaut und feststellt, dass es eigentlich bei dieser Bundestagswahl nur darum geht, wer unter Angela Merkel mitregieren darf. Denn rein objektiv betrachtet, gibt es nur wenige Optionen, die sich alle um die FDP, AfD und gegebenenfalls um die Piraten drehen:
• Kommt neben der FDP noch eine weitere kleine Partei ins Parlament, gibt es eine Große Koalition.
• Bleibt die FDP draußen und kommt auch keine andere kleine Partei in den Bundestag, dann kommt es auch zu einer Großen Koalition. Zwar haben SPD, Grüne und Linke zumindest eine hypothetische Mehrheit. Doch rot-rot-grün wird ja kategorisch ausgeschlossen und die SPD würde ihr Gesicht verlieren, sollte sie sich dennoch drauf einlassen. Wie das ausgehen kann, hat man ja vor einigen Jahren in Hessen gesehen.
• Kommt nur die FDP in den Bundestag, kommt zu einer schwarz-gelben Regierung oder vielleicht auch zu einer großen Koalition.
• Kommen nur die Piraten in den Bundestag, kommt es zu einer Großen Koalition.
• Kommt nur die AfD in den Bundestag, dann wird es interessant: Wenn Union und AfD zusammen eine Mehrheit hätten, könnte die Union zumindest theoretisch eine Minderheitsregierung bilden, wenn die AfD sie unterstützt. Wahrscheinlich aber kommt es dann ebenfalls zu einer Großen Koalition.

Warum sollte man also wählen gehen? Am Ende wird es sehr wahrscheinlich die Koalition der beiden großen sozialdemokratischen Parteien geben… 😉
Diese Haltung ist nach dem oben gesagten durchaus nachvollziehbar. Aber falsch! Denn sie greift zu kurz. Dieser Gedankengang mag stimmen, wenn man seine einzelne Stimme isoliert betrachtet, aber man sollte das Gesamte gesamtheitlich betrachten.
Ich sage immer, jedes Volk bekommt die Regierung, die es verdient und jeder einzelne hat es in der Hand, etwas zu ändern. Ich will jetzt nicht mit solchen Gummiargumenten anfangen, wie „In anderen Ländern wäre man froh, wenn man wählen gehen könnte.“. Aber wie viel Änderungspotential besteht, kann man sich selber vor Augen halten, wenn man zum Beispiel die Bayernwahl von letzter Woche sich genauer anschaut. Das Ergebnis sah so aus:

Vorläufiges amtliches Endergebnis der Bayernwahl 2013
Vorläufiges amtliches Endergebnis der Bayernwahl 2013

Die CSU hat mit 47,7% der abgegebenen, gültigen Stimmen die absolute Mehrheit im Landtag zurückerobert. Also stellt sich Herr Seehofer nach der Wahl hin vors Mikrofon und tönt siegestrunken

„Die Hälfte der Bayern hat die CSU gewählt!“

Das ist gelinde gesagt eine dreiste Übertreibung. Bei der Landtagswahl 2013 in Bayern lag die Wahlbeteiligung bei etwa 64% (die genaue Zahl habe ich gerade nicht parat, aber ein paar zehntel Prozentpunkte mehr oder weniger macht keinen Unterschied). 64% – das heißt, dass gerade mal zwei Drittel der Wähler überhaupt zur Urne gegangen sind. Wenn man also das Wahlergebnis in Relation zur Gesamtbevölkerung setzt, sehen die Stimmenanteile plötzlich ganz anders aus:

So wäre die Stimmenverteilung bei der Bayernwahl gewesen, wenn man die Nichtwähler berücksichtigen würde
So wäre die Stimmenverteilung bei der Bayernwahl gewesen, wenn man die Nichtwähler berücksichtigen würde

Die CSU ist plötzlich noch nicht mal das größte Lager, sondern die Nichtwähler bilden die stärkste Kraft bei der Wahl. Und wieviel Macht eine solche Gruppe hätte, wenn sie wählen ginge, kann man sich leicht vorstellen. Wenn alle Nichtwähler gemeinsam irgendeine Partei gewählt hätten, dann wäre diese Partei die stärkste Partei gewesen. Sie hätte sogar die CSU überflügelt. Und selbst wenn sich diese 36% auf drei bis vier Parteien verteilt hätten, hätten diese immer noch mit 8-10% ein immenses Gewicht im Landtag erreicht. Und das ist genau der Punkt: Eine Stimme bewegt nicht viel – aber alle zusammen können was erreichen.

Wenn Du, lieber Leser, also unzufrieden mit den etablierten Parteien bist, dann bleib am Sonntag nicht bequem in Deinen Sessel sitzen und schimpf darüber, dass die alle sowieso machen, was sie wollen. Du verhinderst ja nicht mit Deiner Enthaltung, dass sich nichts ändert, sondern Du zementierst lediglich den Status quo! Herr Seehofer kann sich nur deswegen über die absolute Mehrheit freuen, weil 36% der Wahlberechtigten nicht zur Wahl gegangen sind. Und Frau Merkel wird am Sonntag wahrscheinlich in die Kamera grinsen, dass sie die Wahl gewonnen hat, weil wieder Millionen von Unzufriedenen der Wahl ferngeblieben sind. So lange die Wahl an der Zahl der abgegebenen gültigen Stimmen gemessen wird, solange gilt: „Schweigen ist Zustimmung!“
Als die Piraten die Landtage enterten, da fing plötzlich die Auseinandersetzung mit den Themen der Piraten an. Erst da wurde den etablierten Parteien bewußt, dass der Bevölkerung andere Themen auch wichtig sind und schnell wurde versucht die Themen zu besetzen. Die AfD hat zunächst keiner Ernst genommen, doch nachdem sie nun bei Umfragen zwischen 3-4 Prozent liegen, sieht das plötzlich ganz anders aus. Jede Partei, die in ein Parlament einzieht, nimmt den etablierten Parteien Macht. Das soll kein Plädoyer für eine zersplitterte Parteienlandschaft sein, denn dann wird das Land auch unregierbar. Aber wer die Augen nicht offen hält und sich nicht nach Alternativen für die etablierten Parteien umschaut, dem eröffnen sich nicht die Alternativen. Es gibt unter den Kleinstparteien viel Schund. Da gibt es extremistische Parteien, die das Papier nicht wert, auf dem deren Pamphlete gedruckt werden. Es gibt Spaßparteien und einige mit ziemlich abgefahrenen Ansichten. Aber bei über 20 zugelassenen Parteien wird sich am Sonntag doch irgendeine Alternative befinden, die man ruhigen Gewissens wählen kann. Was glaubst Du, lieber Leser, wie betroffen die Politiker der etablierten Parteien am Sonntagabend in der Berliner Runde sitzen werden, wenn das Ergebnis vielleicht eher so aussähe:

Stimmenverteilung bei der Bundestagswahl 2009 unter Berücksichtigung der Nichtwähler
Stimmenverteilung bei der Bundestagswahl 2009 unter Berücksichtigung der Nichtwähler

Das wäre das Wahlergebnis gewesen, wenn bei der Bundestagswahl 2009 alle Nichtwähler die gleiche Partei gewählt hätten. Das macht übrigens deutlich, dass Frau Merkel und ihr Wahlverein nur von jedem fünften Deutschen gewählt wurde. Bei einem solchen Ergebnis würde wahrscheinlich am Sonntag nur Herr Brüderle breit grinsen in der Berliner Runde. Aber nehmen wir mal an, die Hälfte der FDP würde sich auch noch abwandern und die Stimmen verteilen sich auf drei Parteien und noch auf Sonstige. Ein mögliches Ergebnis sähe dann so aus:

Also lieber Leser: sag nicht, dass DU nichts bewegen kannst. Wenn Du also Merkel satt hast, geh wählen! Wenn Du den Steinbrück nicht leiden kannst, geh wählen! Wenn Du das ganze politische Gesabber aller Parteien nicht mehr hören kannst, geh verdammt noch mal wählen! Wenn Du wählen gegangen bist, und trotzdem die gleichen fünf Nasen in der Berliner Runde sitzen und ihr inhaltloses Gewäsch zum Besten geben – dann kannst Du zurecht auf die erstarrten Rituale schimpfen. Dann kannst meckern… Wenn Du nicht wählen gegangen bist, dann beschwer Dich nicht, dass sich in diesem Land nichts ändert…

In diesem Sinne
Tot ziens

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