Wie natürlich ist Piperonal?

Seit einigen Wochen tobt zwischen Ritter Sport und der Stiftung Warentest ein erbitterter Streit um die Bewertung der Nussschokolade und der Deklaration der Schokolade. Heute hat das Münchner Landgericht in der ersten Runde der juristischen Auseinandersetzung für die Alfred Ritter GmbH & Ko KG entschieden.

Worum geht es in dem Streit? Die Stiftung Warentest testete im November 2013 26 verschiedene Nussschokoladen. Dabei schnitt unter anderem die Ritter Sport mit “Mangelhaft” ab. Nicht wegen schlechter Qualität, sondern vielmehr wegen irreführender Kennzeichnung. Denn auf der Verpackung der Schokolade wird von natürlichen Aromen gesprochen. Aufgrund der Testergebnisse wurde das Aroma als Piperonal identifiziert. Und die Stiftung Warentest schloß, dass der Aromastoff künstlichen Ursprungs sei, was Ritter Sport und der Zulieferer Symrise vehement bestreiten.

Was ist nun der Stein des Anstoßes?

Piperonal ist ein Duft- und Geschmackstoff, der nach Vanille oder Mandel riecht. Die chemische Formel sieht wie folgt aus:

Piperonal

Der Name Piperonal stammt dabei von der erstmaligen Synthese, welche von dem Pfefferinhaltsstoff Piperin („Piperyl-Piperidin“) ausging. Die durch Zerfall von Piperin entstandene Piperinsäure ergab nach einer Umsetzung mit Kaliumpermanganat in alkalischer Lösung Piperonal. Das ist ein etwas griffiger Name als die nach IUPAC offizielle Bezeichnung 3,4-(Methylendioxy)-benzaldehyd. Aber unabhängig von der synthetischen Darstellung kommt Piperonal auch in der Natur vor. Zum Beispiel in den Blütenölen von Echtem Mädesüß (Filipendula ulmaria) und der Gewöhnlichen Robinie (Robinia pseudoacacia) oder auch der Veilchenblüten. Es ist jedoch nie Hauptbestandteil der ätherischen Öle (Quelle: Hagers Handbuch der Pharmazeutischen Praxis, Stoffe L-Z, Band 5). Laut des Firmenblog von Ritter Sport auch “in Tahiti-Vanille, Kräutern und Gewürzen sowie einer ganzen Reihe anderer Pflanzen, z.B. in Pfeffer und Dill”. (Quelle). Chemisch kann Piperonal recht einfach aus einem anderem Naturstoff gewonnen werden, nämlich dem Safrol. Oxidation des Isosafrols mit Ozon liefert in guten Ausbeuten Piperonal (Quelle: Hagers Handbuch der Pharmazeutischen Praxis, Stoffe L-Z, Band 5). ABER: das ist ein chemisches Verfahren damit dürfte das Piperonal nicht mehr “natürliches Aroma” genannt werden. Und genau darum geht es bei dem Streit: Wo kommt das Piperonal her? Ist es natürlichen Ursprung? Dann darf es nur durch Extraktionsverfahren aus Pflanzen gewonnen werden. Sobald eine chemische Reaktion vonnöten ist, ist das Piperonal nicht mehr natürlichen Ursprungs – obwohl in beiden Fällen reines Piperonal gewonnen wird, das sich in seinen chemischen und physiologischen Eigenschaften nicht unterscheidet. (Die Frage, was ein Vaniellearoma in einer Vollnussschokolade zu suchen hat, lassen wir an der Stelle mal außen vor).
Die Stiftung Warentest konnte deswegen auch nicht die Herkunft des Piperonals nachweisen, sondern hat lediglich den Schluss gezogen, dass Piperonal in Pflanzen in so geringen Maße vorkommt, dass das in der Ritter Sport gefundene Piperonal nur synthetischen Ursprunges sein könne.
Mit dem heutigen Urteil ist nun erstmal der Stiftung Warentest untersagt worden, diese Behauptung weiter aufzustellen. Das Urteil ist keine Entscheidung, ob die Kennzeichnung auf der Ritter Sport zu recht kritisiert wurde oder nicht. Da die Stiftung Warentest erstmal nicht den Nachweis eines synthetischen Ursprungs erbracht hat, wurde ihr die Behauptung untersagt. Interessanter wäre die umgekehrte Beweisführung, wenn Symrise und/oder Ritter Sport nachweisen würden, dass die umstrittende Substanz in der Tat natürlichen Ursprungs wäre. Denn die entscheidende Frage ist: Wieviele Piperonal ist in einer Tafel Ritter Sport enthalten? Und wieviel Piperonal kann man durch Extraktion von Pflanzen gewinnen? Zumindestens kann man bei Sigma Aldrich die Substanz im Gebinde von 25g bis 500g erwerben. Eine Preisauskunft ist auf der Webseite zur Zeit nicht möglich (wobei noch die Frage, ob es natürliches Piperonal oder synthetisches Piperonal ist). Im Grunde ist also mit dem Urteil keine Aussage darüber getroffen, wer nun Recht hat. Stiftung Warentest konnte zumindest nicht ausreichend beweisen, dass die Behauptung gerechtfertigt sei. Das kann ich auch nachvollziehen, denn die Argumentation ist aus meiner Sicht schon recht dünn. Es sind halt Indizien, aber keine Beweise.
Umgekehrt ist es aber auch kein Beweis, dass die Kennzeichnung korrekt ist. Dazu müssten Symrise und Ritter Sport entweder die Lieferkette offenlegen oder mitteilen, wieviel Piperonal in einer Tafel Schokolade stecken. Es bleibt also spannend im Fall Ritter Sport gegen Stiftung Warentest.

In diesem Sinne

Tot ziens

 

Nachtrag: wer sich die Wikiseite zu Piperonal anschaut, der möge ob eines LD50-Wertes nicht nervös werden. Der Aroma­stoff Piperonal stellt keine gesund­heit­liche Ge­fahr dar, Ritter Sport Voll-Nuss kann also be­denken­los verzehrt werden.

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