Wie natürlich ist eigentlich “natürlich”?

Gestern bin ich bereits auf die juristische Auseinandersetzung zwischen Ritter Sport und der Stiftung Warentest eingegangen. Dabei ging es vorallem um die Frage, worum es bei diesem Streit geht. Nämlich, dass die Stiftung Warentest nicht weiter behaupten darf, dass der in der Ritter Sport Schokolade gefundende Aromastoff Piperonal nicht natürlichen Ursprungs sei. Das war ja der Grund, warum die Stiftung Warentest der Nussschokolade der Firma Ritter Sport das Testurteil “mangelhaft” verpasst hat.
Doch im Grunde ist dieser ganze Streit lächerlich – denn die eigentliche Frage, die den Verbraucher interessiert (oder zumindest interessieren sollte), ist doch:

“Was ist da genau in meinen Lebensmitteln drin?”

Ob nun das Piperonal natürlichen Ursprungs ist oder nicht, ist in meinen Augen nebensächlich. Denn chemisch gesehen, ist Piperonal immer Piperonal – egal, wie es gewonnen wird. Und man sollte sich vor allem keine Illusionen über den Begriff “natürlich” machen. Natürlich heißt, dass der Stoff aus natürlichen Ausgangsstoffen gewonnen wird. Ich möchte das mal an einem Beispiel verdeutlichen: So wird Vanille normalerweise aus den Schoten einiger Orchideen-Arten gewonnen. Wer selber schon mal gekocht hat, der kennt die schwarzen Vanilleschoten, die man aufschlitzt und dann das innere herauskratzt. Der wichtigste Aromastoff ist das Vanillin. Aber Vanillin ist auch nur einer aus hunderten, der der Vanille das bekannte Aroma verleiht. Vanillin ist aber ein recht einfach gebautes Molekül, das sich leicht gewinnen oder synthetisieren läßt.

Vanillin

Die Nachfrage nach Vanille-Aroma so ist gewaltig, dass es gar nicht genug Vanilleschoten auf der Welt gäbe, um diese zu befriedigen. Wer schon mal das Mark der Vanilleschote rausgekratzt hat, wird wissen, wie gering die Ausbeute pro Schote ist und wieviel Schoten eigentlich von nöten wären, um im industriellen Maßstab arbeiten zu können. Deshalb wird häufig Vanillin als Ersatzstoff verwendet. Das kommt der Vanille am nächsten. So weit, so gut. Vanillin kann man zum Beispiel durch eine Umsetzung Eugenol zu Isoeugenol mittels Alkalien und anschließender Oxidation z.B. mit Ozon gewinnen. (Gary M. Lampman, Jennifer Andrews, Wayne Bratz, Otto Hanssen, Kenneth Kelley, Dana Perry, Anthony Ridgeway: „The Preparation of Vanillin from Eugenol and Sawdust“, in: Journal of Chemical Education, 1977, 54 (12), S. 776–778). Aber man kann Vanillin auch aus Holz gewinnen! Nämlich aus den Abfallprodukten bei der Papierherstellung. Die Sultifabfällen enthalten unter anderem eine Substanz namens Ligninsulfonsäure, das mit Oxidationsmitteln und alkalischen Substanzen behandelt wird. Anschließend kann man das so entstandene Vanillin durch physikalische Methoden, wie Extrahieren, Destillieren und Umkristallisieren gewonnen und auch gereinigt werden. (Martin B. Hocking: „Vanillin: Synthetic Flavoring from Spent Sulfite Liquor“, in: Journal of Chemical Education, 1997, 74 (9), S. 1055–1059)
Und jetzt kommt der Clou: in diesem Fall darf auf der Lebensmittelkennzeichnung von einem “natürlichen Aroma” die Rede sein. Weil es aus natürlichen Dingen gewonnen worden ist – in diesem Fall aus Holz. Stammt das Vanillin aus Eugenol, dann ist das nicht mehr natürlichen Ursprungs und damit auch kein “natürliches Aroma” mehr.
Diese feine Unterscheidung macht nun auch klar, wie akademisch eigentlich der Streit zwischen der Stiftung Warentest und Ritter Sport ist. Ihnen geht es darum, ob Piperonal “natürlich” ist oder nicht. Dabei ist das chemisch gesehen völlig egal. Und es ist auch nicht das, was der Kunde als “natürlich” empfindet.
Aber: es macht keinen Unterschied, ob etwas “natürlichen” Ursprungs ist oder nicht. Fakt ist, dass unseren Lebensmitteln chemischen Substanzen zugesetzt werden, damit wir sie als schmackhaft und wohlriechend wahrnehmen. Bevor nun ein Entsetzenschrei losgelassen wird: Wir machen das selber mit unserem Essen nicht anders: Nur stehen in unseren Rezepten nicht drin “eine Prise Natriumchlorid” (Kochsalz), “ein Teelöffel Kaliumhydrogencarbonat” (Backpulver) oder “Ammoniumhydrogencarbonat” (Hirschhornsalz).
Die viel wichtigere Frage ist nur was und ob es uns was schadet. Deswegen sollte es für den Verbraucher transparenter sein, was da in seinen Lebensmittel enthalten ist. Und die Erwartungshaltung des Verbrauchers ist bei “natürlichen Aromen”, dass es sich um das echte Aroma handelt. Alles andere sind Aromaersatzstoffe: das gilt in meinen Augen auch für Piperonal, das als Vanille- oder Mandelaroma verwendet wird. Und dabei ist es unerheblich, ob die Quelle des Piperonals Pfeffer oder eine chemische Ausgangssubstanz wie Protocatechualdehyd ist (3,4-Dihydroxybenzaldehyd). Diese Augenwischerei, Begriffe so lange zu biegen, bis man eine positive Formulierung wie “natürliches Aroma” schreiben darf, ist eigentlich nur eine Verarsche des Kunden. Ich würde mir wünschen, dass die Lebensmittelindustrie sich nicht hinter den schwammigen Formulierungen weiter verstecken darf. Ich würde mir auch die Ritter Sport kaufen, auch wenn “Piperonal” auf der Packung gestanden hätte.

In diesem Sinne

Tot ziens

 

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