Das Dschungelcamp entlarvt unsere Verlogenheit

Hiermit muss ich mich outen: Ich gucke das Dschungelcamp! Nicht erst seit gestern, sondern seit Anbeginn der ersten Staffel  im Jahr 2004. Oft musst man sich dafür rechtfertigen, dass man sich den vermeintlichen Trash anschaut. Reaktionen wie

Ohjeh, sag blos Du sponserst den Dreck, indem Du das anguckst?!
Das ist menschenverachtende Scheiße

sind da keine Seltenheit. Oberflächlich betrachtet mag man mit einer solchen Betrachtungsweise auch Recht haben. Immerhin müssen sich dort sogenannte Stars, von denen jeder weiß, dass sie ihre beste Zeit schon hinter sich haben oder eine solche Zeit nie gehabt haben und auch nie haben werden, ziemlich entwürdigenden Prüfungen unterziehen. Aber das ist nur die Oberfläche: ich möchte an der Stelle gar nicht in den Chor des Feuilletons einstimmen und ein Loblieb auf die – zugegebenermaßen – großartigen Moderationen von Sonja Zietlow und ihrem jeweiligen Counterparts, Dirk Bach (Gott hab ihn selig) und Daniel Hartwich, singen. Die Selbstironie und auch die Selbstreferenzierung heben das ganze Ereignis auf eine sehr unterhaltsame und amüsante Metaebene. Nein, das ist es nicht allein, was die Sendung durchaus sehenswert macht. Vielmehr hält sie auch uns als Zuschauer einen Spiegel vor. Und das ist nicht nur auf den Voyeurismus bezogen, mit dem einige mit der Chipstüte auf dem Schoß zuschauen, wie Melanie Müller (auch bekannt unter dem Pseudonym Scarlet Young) Schweine-Anus, Hirsch-Sperma oder auch kleine Fischaugen-Knabbereien vertilgt. Nein, ess geht mir um das Zwischenmenschliche, das sich zwischen den Kandidaten abspielt. Und verfolgt man die Diskussionen in den sozialen Netzwerken, dann ist es gerade das Sozialverhalten der Kandidaten, das häufig durchaus pointiert von der Masse kommentiert wird.
Und genau dies kann man – wie ich finde – in der aktuellen Staffel 2014 wieder sehen. Es dreht sich im Wesentlichen um Larissa. Seit dem ersten Tag steht sie im Fokus jeglicher Diskussion im Netz. Denn sie bringt einiges mit, was den geneigten Zuschauer gegen sie aufzubringen vermag:

  • eine kindliche Naivität, die schon an Dummheit zu grenzen scheint (“Ich dachte, das wäre nicht im Dschungel!” “Dieser Dschungel ist so echt, so… ekelig!”)
  • absolute Unlust, sich für die Gruppen erniedrigen zu lassen einzusetzen
  • dabei eine leicht von der Realität abweichende Selbstwahrnehmung (“Ich tue alles für das Team!”)
  • Hysterie, die schon einen an Wahnsinn denken lässt

Die Rollen schienen schon klar verteilt: Auf der einen Seite Larissa, die der Situation offenbar geistig nicht gewachsen war und allen nur auf den Sack ging – und auf der anderen Seite die anderen, die “Normalen”. Sie schaffte es sogar in der ersten Dschungelprüfung Michael Wendler für zehn Minuten sympathisch erscheinen zu lassen – aber diesen Fehler hat Herr Wendler kurzerhand selbst wieder korrigiert. Folgerichtig wurde Larissa für alle Dschungelprüfungen vom Publikum zum vermeintlichen öffentlichen Scheitern auserkoren.
Aber: in meinen Augen dreht sich das Bild: Larissa wächst in den Prüfungen über sich hinaus. Schon bei der Prüfung, die sie zusammen mit Winfried Glatzeder bewältigen musste, bewies sie, dass sie eben doch ihre Ängste überwinden kann. Und bei der Übung mit Mola – mit verbundenen Augen und in schwindelerregender Höhe – bewies sie Geschick und Mut. Und nun zeigen sich die wahren Gesichter im Camp: Sowohl Glatzeder als auch Mola stellten den Erfolg der gemeinsamen Prüfung (10 Sterne bzw. 8 Sterne) als ihren Alleinverdienst dar. Vorallem Mola entlarvte sich selbst als charakterlich schwach. Während Larissa sich blind auf einen schmalen Steg vortasten musste, aufgeschreckt durch wiederholt plötzlich explodierenden Knallfrösche, beschränkte sich Molas Betrag zu dieser Prüfung, dass er Larissa dezidierte Anweisungen geben sollte. Doch das, was er von sich gab, konnte man getrost als erschwerenden Teil der Prüfung bezeichnen und leitet zu dem Fazit, dass Larissa TROTZ Mola acht Sterne holte.


Dass sie trotz Molas Anweisungen nicht bereits nach 10 cm vom Steg gefallen ist, kann man nicht hoch genug anrechnen. Die Anweisungen von Mola gingen in etwa so:

Larissalarissalarissa-perfektperfektperfekt-LarissalarissalarissaLARISSA-bitte-gehgehgehgehgeh-Larissalarissa-perfektperfektperfekt-sosososo-super-Larissa-werfenwerfenwerfen-hohohohohoch-gemmagemmagemma-WEITERWEITERWEITER-LarissalarissalarissaLARISSA-NEINNEIN-ruhigruhigruhig-nimmnimmnimmnimm-sososoSO!-duhastnduhastnduhastn-LARISSALARISSA!-Gemmagemmagemmageammgemma!-perfektperfektperfektperfekt-NEW-YORK-RUNWAY-sosososo-perfektperfektperfekt-LARISSA!

Man sieht: Mola war – sagen wir – wenig hilfreich. Sinnvolle Angaben, wie “links” oder ganz abwegig mal “rechts” waren nicht drin. Höhepunkt der Dämlichkeit als Mola Larissa (wir erinnern uns: die, mit den verbundenen Augen) zu raten, “guck genau, wohin du gehst”.
Zurück im Lager zeigte eindrucksvoll wie stark sich Fremd- und Selbstwahrnehmung unterscheiden konnte. Mola stellte sich wortreich als alleiniger Held der Dschungelprüfung. “Ich habe alle Sterne bekommen”, berichtet der Kerl unverfroren. Gipfel der Unverfrorenheit: “…aber wenn man Larissa mit einer gewissen Strenge begegne…” “Dann kann sie, dann kann sie”, schlägt Winfried eilfertig in die gleiche Kerbe ein. Am Ende konnte sich Mola in generöser Geberlaune aber noch ein “Da muss ich sie echt loben.” abringen.


Bereits am Vortage konnte man eindrucksvoll beobachten, was passieren kann, wenn sich eine Gemeinschaft auf ein Opfer eingeschossen hat: Da lästern alle Dschungelbewohner ausgiebig und lautstark über die ungeliebte Leidensgenossin – und sie sitzt nur fünf Meter von der Gruppe entfernt allein. Was Larissa am Ende zu dem Fazit führt:

“Da sitzt man mit 10 Menschen im Dschungel und ist doch allein!”

Das ist wirklich der Gipfel der Ignoranz gegenüber einem Mitglied der Gemeinschaft. Über jemanden in seiner Gegenwart schlechtes zu sagen, ist verletzend und entwürdigend. Wer meint, dass das doch einfach nur ehrlich sei, der vergisst, dass nicht jeder die Ansichten über Larissa teilen muss. In ihrer Gegenwart jedoch schlecht zu sprechen, ist ein klares Signal an Larissa: “Du gehörst hier nicht dazu!” Krasser kann man ein Mitglied nicht aus der Gemeinschaft ausschließen.
Klar, Larissa nervt. Auch ich könnte sie so, wie sie im Fernsehen dargestellt wird, nicht länger als fünf Minuten ertragen. Klar, sie ließ am Anfang vielleicht auch den Teamgeist vermissen. Aber sie ist ein Mensch. Sie hat auch Gefühle und sie ist offenbar mit der Situation überfordert. Jemand mit etwas Empathie würde das erkennen und ihr versuchen auch etwas Halt zu geben. Aber außer den zaghaften Versuchen von Jochen Bendel lässt niemand solche Bemühungen erkennen.
Und damit komme ich nämlich zum Ausgangspunkt meiner Gedanken zurück: Diese Situation, die für Larissa unhaltbar ist, sollte uns vor Augen halten, was Gruppendynamik anrichten kann, wenn eine Gruppe ein gemeinsames Opfer auserkoren hat. Wie soll Larissa zurück in die Gemeinschaft finden, wenn selbst sehr gute Leistungen von den anderen nicht erkannt werden?
Larissa hat deswegen mein vollstes Mitleid. Und auch wenn sie mir zuvor auf den Keks gegangen ist und ihre Einstellung zu wünschen übrig ließ: ich hoffe, dass sie die Dschungelkönigin wird. Die letzten beiden Prüfungen haben gezeigt, wie sie über sich hinaus wachsen kann. Und dass sie von den anderen so übel gedisst wird, ist wahrlich ein Trauerspiel. Ich hoffe, dass Larissa bei der gemeinsamen Prüfung zusammen mit Großmaul Mola heute wieder zeigt, WER wahrlich derjenige ist, der die Sterne holt.
In diesem Sinne
Tot ziens

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