Warum ist “Ich bin ein Star” gutes Fernsehen?

Nachdem ich mich gestern geoutet hatte, dass ich das Dschungelcamp regelmäßig schaue, dachte ich eigentlich, dass ich dies auch ausreichend begründet hätte, was mich da so fasziniert. Doch offenbar war das nicht klar genug gewesen. Ich wurde zum Beispiel gefragt, warum ich denn so einen Dreck im Fernsehen schauen würde.
Eigentlich schade, denn ich dachte, ich hätte es klar formuliert. Aber gut: es gibt soviel größeren Dreck im Fernsehen, der in der Tat menschenverachtend ist. Man schaue sich zum Beispiel Schwer verliebt” an, wo Menschen wegen Ihrer Figur zur Schau gestellt und teilweise als dümmlich hingestellt wurden (http://bit.ly/KSaJZD ). Das ist der wahre Dreck im Fernsehen. Da wenden sich Menschen ans Fernsehen, in der Hoffnung, dass Ihnen geholfen wird, aber man schüttet virtuell nur Gülle über sie. Und anschließend werden die nicht Medien erfahrenen Opfer dieser zur Schaustellung mit ihrem Leid allein gelassen. In Einzelfällen kümmern sich vielleicht andere um diese armen Menschen (im Beispiel von Sarah zum Beispiel hier). Oder Frauentausch ist auch ein schönes Beispiel: Man kann davon ausgehen, dass immer eine Familie als das Opfer auserkoren wird. Entweder sind die Menschen schmutzig, faul, dick (=hässlich), strunzdumm, sexbessen oder am besten alles zu zusammen. Ich möchte jetzt diese Menschen nicht nochmal bloßstellen, aber die meisten sicherlich kennen die Videos von der Mutter, die irgendwas von Erdbeerkäse faselt, der ja soooo gesund ist, oder von dem Vater, der ausrastet und Prügel androht, die Tür zuschlägt, so dass die kaputt geht und dann noch die Tauschmama dafür verantwortlich macht. Da nachweislich in Doku-Soaps schon Fälle von Regieanweisungen oder gar Manipulationen gegeben hat, kann man sich als Zuschauer nicht sicher sein, ob das sich alles wirklich so zugetragen, wie es uns gezeigt wird, oder nicht. Nur: die meisten machen sich gar nicht erst die Gedanken, ob die Szenen echt sind oder gefakt wurden. Und jeder normaldenkende Mensch würde solche Zeitgenossen wohl als geistig eingeschränkt bezeichnen. Damit ist das Urteil über diese Menschen gefällt. Und wenn die in einem kleinem Ort leben, sind sie erstmal in ihrem Umfeld gebrandmarkt. Und keine Chance mehr sich zu wehren oder vielleicht gewisse Dinge richtig zu stellen.
Eigentlich ist solch ein Mist auch nicht mehr satirisch auf zu arbeiten, weil das so abgefahren ist, dass hier Satire nichts mehr überhöhen kann. Carolin Kebekus hat zum Beispiel die Erdbeerkäsegeschichte in ihrem Programm eingebaut:

Im wesentlichen erzählt Frau Kebekus die Höhepunkte dieser Frauentauschfolge nach. Da sind nur wenige Übertreibungen enthalten. Und das Publikum tobt. Man muss zugeben: das ist erstmal witzig! Aber: Da steckt ein Mensch dahinter und zwar keiner der in dem Umgang mit Medien gewöhnt ist. Der vielleicht gewöhnt ist, dass man ihn öffentlich nachäfft und damit der Lächerlichkeit preis gibt. Politiker, Sportler oder Künstler sind Menschen des öffentlichen Lebens und können das eher ab. Aber das bei der Erdbeerkäsemama sicher nicht der Fall.
Ein satirisch-kritischer Umgang mit diesem Fernseh-Genre ist also schwer möglich. Lediglich IBES (und damit schließe ich wieder den Bogen zu der Ursprungsfrage) schafft es durch seine pointierten Moderationen und der Selberreferenzierung auf das Genre der Doku-Soaps, tatsächlich dem Medium und uns als Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten und die Mechanismen der Medien ad absurdum zu führen. Menschen, die nie Stars waren und solche, die es gerne wären, tun fast alles für fünf Minuten Ruhm. Im Gegensatz zu dem anderen Dreck, sind hier in der Regel aber Menschen im Mittelpunkt, die die Regeln der Fernsehbranche kennen und wissen, worauf sie sich einlassen (oder es zumindest wissen sollten). Jeder macht das im vollen Bewußtsein. Und umgekehrt bekommen auch wir als Zuschauer einen Spiegel vorgehalten, weil uns erstens bewusst gemacht wird, wie voyeuristisch wir veranlagt sind und die normalen menschlichen Abgründe werden uns vor Augen geführt. Wer sich das nicht anschaut, wird das folgende Beispiel jetzt nichts bringen, aber das Verhalten von Mola gegenüber Larissa (einer quasi Ausgestoßenen) ist ein schönes Beispiel von asozialischen Verhalten. Und jeder, der sich im sozialen Netzwerk darüber echauffiert, hat mehr von korretem Sozialverhalten verstanden, als die Assis, die Familien im Brennpunkt & Co. schauen, wo Schreien als normales Mittel der Konfliktbewältigung propagiert wird. Ich muss gestehen, dass mir das unmögliche Verhalten von Mola noch mal ins Bewußtsein gerufen hat, WIE wichtig vorurteilsfreies Verhalten im Leben ist. Und dass man selbst bei vermeintlichen Nervensägen, wo wir längst unser Urteil gefällt haben, tagtäglich vorurteilsfrei und offen mit diesen Menschen umgehen sollte. Eine, wie ich finde, immer wieder wichtige Erkenntnis. Und – um nun auch wieder den Bogen zu den Gedanken der Doku-Soaps zu schließen – wir sollten uns nicht auf den Eindruck verlassen, der sich uns zunächst bei einem Menschen bietet. Die Erdbeerkäsemama mag im Fernsehen einen minderbemittelten Eindruck machen – ob sie geistig wirklich so beschränkt ist, wie es scheint, können wir nicht wissen. Vielleicht hatte ich nur Pech, dass sie so naiv und möglichen Regieanweisungen (sofern es welche gab) Folge zu leisten, ohne zu ahnen, was das für ihre Außendarstellung ausmacht. Wir wissen nicht, wie das abgelaufen ist und genau deswegen, dürfen wir nicht diese Frau als “dumm” vorverurteilen.
Zurück zu IBES: Die pointierte Moderation macht auch klar, dass das ganze nicht ernst genommen werden sollte. Und man sollte die ganze Sendung nicht auch die Dschungelprüfung reduzieren, denn das ist nur ein kleiner Teilaspekt. 75% der Sendezeit drehen sich um genau die Dinge, die ich beschrieben habe. Man sieht: es dreht sich nicht nur um Kakerladen – auch wenn die BILD-Zeitung gerne diesen Eindruck vermittelt. Es geht um mehr: um Teamwork, Sozialverhalten und Verantwortung auch dem Schwächsten gegenüber. Nicht umsonst gibt es nicht wenige, die vor drei Tagen noch über Larissa geschimpft haben und sich nun wünschen, dass sie Dschungelkönigin wird – ich schließe mich da explizit ein.

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