Liebling, die haben die Halle geschrumpft

Früher war alles besser. Wie ich diesen Spruch hasse. Noch mehr hasse ich es, wenn dieser Spruch aber der Wahrheit entspricht… Nee, was war das früher ein musikalisches Erlebnis. Da gab es etwas, das irgendwie neu war: Swingmusik mit deutschen Texten, die überwiegend auch sehr humorvoll waren. Präsentiert von einem Sänger, dessen gesangliche Qualitäten überragend sind. Begleitet von einer Band, die virtuos die genialen Arrangements umsetzen konnte. Und da war die KölnArena bis auf den letzten Platz besetzt und tobte, wenn Roger Cicero die Bühne betrat und sein gesamtes musikalische Können zum besten gab. Wo er zeigen konnte, was er alles kann und wo auch seine musikalischen Wurzeln sind, weil es auch viele Jazzelemente in seinen Konzerten gab.

Das ist alles Vergangenheit. Die beiden letzten Alben waren musikalisch alles andere als eine Offenbarung. Aus Swingmusik wurde Allerwelts-Popschlager – Musik, wie sie auch andere Künstler hätten machen können. Nichts Besonderes mehr.

Und trotzdem haben wir nach Jahren uns nochmal in die KölnArena begeben, um Roger Cicero live zu hören. Ausschlaggebend für mich war, dass als Support-Act Gregor Meyle dabei war. Zu diesem Zeitpunkt wußten wir noch nicht, dass in fünf Wochen ein Zusatzkonzert von Gregor Meyle in Köln stattfinden würden, zu dem wir nun Karten haben.

“Liebling, die haben die Halle geschrumpft”

Der “Schock” traf uns, als wir die Halle betraten. Mein erster Gedanke war “Liebling, die haben die Halle geschrumpft”. Irgendwie erschien die sonst so riesige KölnnArena so unwirklich klein. Geradezu winzig. Nach einigen Sekunden der Orientierung wurde auch klar, warum: Die Bühne stand nicht wie gewohnt am Ende der Halle, sondern mittendrin. Dadurch gab es nur zwei Blöcke auf der Geraden und nicht wie sonst vier oder fünf. Unser Platz im Block 218, bei dem normalerweise die Bühne in Briefmarkengröße erschienen würde, bot einen hervorragenden Blick auf das Geschehen, weil es quasi der zweitnächste Block war.

Um 20 Uhr begann dann das Konzert mit der “Vorgruppe” Gregor Meyle. Dieser spielte fünf Stücke, die mich direkt begeisterten. Die Stücke waren sehr abwechslungsreich und reichten vom typischen Singer-Songwriter-Stil bis hin zu Jazzelementen. Dazu eine für die KölnArena guten Sound. Zwar war der Sound auch dieses Mal ein wenig breiig. Man konnte die einzelnen Instrumente nur durch feines Gehör auseinander halten. Aber ich habe auch schon deutlich schlechteren Sound in der KölnArena gehabt. Dazwischen wusste Gregor mit launigen Moderationen die Stimmung aufzulockern. Für mich eine gelungene Vorschau auf das Konzert, das wir in fünf Wochen besuchen werden und das meine Vorfreude darauf immens gesteigert hat.

Nach dem Support-Act dann der nächste Schock. Ich hatte das vor Gregor Meyles Auftritt nicht so wirklich realisiert, aber nun wurde es mir bewusst: nicht nur, dass die nur die halbe KölnArena für das Konzert vorgesehen war. Nein, selbst dieser geringe Platz war nur halb besetzt. Selbst im Innenraum, sonst immer proppevoll, waren auf der rechten Seiten die letzten zehn Reihen komplett leer. Die Blöcke in den Kurven waren noch nicht mal zur Hälfte belegt. Das ganze sah so aus, als hätte Fortuna Köln versucht sein Drittligaspiel gegen Sonnenhof Großasbach ins Rheinenergiestadion zu verlegen. Leerer hätte es da auch nicht sein können.

 

Dieses Bild ist kurz vor Rogers Auftritt entstanden...
Dieses Bild ist kurz vor Rogers Auftritt entstanden…

Um zehn vor neun begann dann das Konzert. An der musikalischen Leistung der Künstler gibt es nichts zu mäkeln. Roger sang gewohnt sicher und brilliant. Die Band wusste auch zu überzeugen. Aber: Der Funke sprang nicht wirklich über. Das lag aber nicht an den Musikern. Es lag einfach an die nichtssagenden Stücke der neueren Generation. Das sind Songs, die auch ein Tim Benzko oder die Gruppe Juli hätte singen können. Nicht dass die Lieder schlecht gewesen sind. Aber es fehlte einfach das musikalisch außergewöhnliche. Auf früheren Konzerten wussten die Musiker die Swingstücke lebendig rüber zu bringen und auch so manche eher jazzige Arrangement – inklusive so mancher genialen Coverversion – kitzelten das musikalische Potential eines Roger Ciceros heraus. Da merkte man, was das für ein begnadeter Sänger er ist. Da konnte er sein komplettes Können bis ins letzte ausreizen und überzeugen. Es ist bezeichnend, dass das Stück, was im ersten Set am meisten zu begeistern wusste, eine Coverversion eines Jazzklassikers was, das seinerzeit auf dem ersten Album war: “Wenn ich den Blues nicht hätt” (Original: Bluesette). Damit wurde quasi ein Orkan in der Arena entfacht – das Publikum ging mit und es kam sowas wie Stimmung auf. Nur um dann diese Stimmung konsequent mit einem neuen Stück wieder zu killen. So richtig deutlich wurde in meinen Augen der Unterschied bei den beiden Stücken der EINEN Zugabe. Zuerst spielte er “Ich atme ein”. Eine Ballade von der CD “Männersachen”. Das war wieder ganz großes Kino: schwierige Passaden wurde mit einer Leichtigkeit weggesungen, als handle es sich um ein Kinderlied und nicht um eine Ballade mit schwierigen Harmonien. Hier konnte Roger sein komplettes Potential ausspielen. Hier konnte er sein Publikum ergreifen und mitreißen. Bei anderen ruhigen Stücken des Abends war das weniger der Fall. Das waren dann einfach nur ruhige Stücke. Sachen, die er auch nachts um drei, wenn ihn gerade geweckt hat, fehlerfrei zu Stande brächte. Das zweite Stück der Zugabe war “Du bist mein Sommer”. Eine Uptempo-Nummer – nett an zu hören. Aber eben genau das: nett! Da hätte genauso gut jemand anders stehen und diese Nummer performen können. Es hätte kaum einen Unterschied gemacht. Das jazzige, das besondere, das unter Beweis stellt, was für ein grandioser Sänger dieser Roger Cicero ist – das fehlte einfach. Und so war dann auch nach etwas mehr als 90 Minuten das Konzert zu Ende. Nach nur EINER Zugabe. Was haben wir früher getobt. Es gab immer zwei Zugaben. Und bei einem Konzert in der KölnArena hat die Halle nach der zweiten Zugabe so vehement eine weitere Zugabe gefordert, dass Roger und die Band rauskamen und die großartige Coverversion von Rio Reisers Klassiker “König von Deutschland” zum Besten gab, obwohl das nicht auf der Setliste stand und was auf keinem Konzert der Beziehungsweise-Tour sonst gespielt wurde. Gestern wurde sich brav nach der ersten Zugabe verabschiedet und das Publikum machte noch nicht mal Anstalten eine weitere Zugabe zu fordern. Es war halt ein netter Abend – mehr aber auch nicht.
Tja, früher war alles besser! 😉

In diesem Sinne
Tot ziens

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