#4U9525 – Ein Mahnmal des modernen Journalismus

Disclaimer: Die Tragödie des Germanwings-Fluges 4U9525 ist ohne Frage ein schreckliches und unfassbares Unglück, das 150 Menschen aus dem Leben gerissen hat. Im Folgenden geht es mir aber nicht um das Unglück selber, sondern vielmehr um den Umgang der Medien mit diesem Ereignis.

Am 24.März 2015 ist eine Germanwings-Maschine auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf um kurz vor 11 über den französischen Alpen abgestürzt. An Bord waren 144 Passagiere und sechs Besatzungsmitglieder. Die Absturzursache ist noch unbekannt.

So war die Nachrichtenlage am Tage des Absturz (und ist sie zwei Tage später eigentlich immer noch) – wenn man das Ereignis völlig objektiv betrachtet. Offenbar zu wenig aus Sicht einiger Medien. Schließlich müssen die Nachrichten-Streams und Sendezeiten irgendwie gefüllt werden. Denn die Masse giert ja nach Informationen. Also müssen Informationen her. Egal wie. Egal, ob es wirklich Nachrichten sind oder nicht. BILDblog hat dies eindrucksvoll dokumentiert:

So war auf Bild.de um 12.16 Uhr zu lesen, dass die Germanwings-Seite nicht mehr zu erreichen – garniert mit einem Screenshot. Vermutlich haben zu viele Journalisten versucht, die Seite aufzurufen…
Aber nicht nur die Medien, von denen man eigentlich nichts anderes erwartet, haben ihr Medium für Nicht-Nachrichten verwendet. Der Twitter Account WDR_live postete um halb eins ein Foto vom Ankunftsgate am Düsseldorfer Flughafen mit den Worten:

Hier sollten die Passagiere vom #4U9225 nach der Landung in Düsseldorf heraus kommen

Und hr-INFO veröffentlichte zeitgleich auch auf Twitter eine Meldung, dass die Lufthansa-Aktie um 4% gefallen sei. Auf die zahlreichen Hinweisen von anderen Nutzern, dass das vielleicht im Moment nicht wirklich relevant sei, entgegnete die Redaktion, dass man lediglich vollständig informieren wolle. Klar, es gehören auch die wirtschaftliche Folgen zur vollständigen Berichterstattung – aber eine halbe Stunde nach Bekanntwerden des Unglücks?

Man mag mich vielleicht altmodisch oder realitätsfern nennen – aber sollten Journalisten nicht einen inneren Kompass haben, der ihnen hilft, gesellschaftliche No-Gos zu vermeiden. Oder ist unsere Gesellschaft schon so abgestumpft, dass es unmittelbar nach dem Absturz wichtig ist, wie sich die Lufthansa-Aktie entwickelt?

Die Liste vom Bildblog ließe sich aber beliebig vorsetzen. So vermeldeten die Facebook-Accounts von ARD und des ARD-Momas, dass ein Best-of-Flugzeugabstürze bei ihnen nicht geben werde. Nur um dann in der unendlichen Tagesschau-Sondersendung von 18 Uhr bis 19.45 Uhr genau sowas zu zeigen. Inklusive schickter Computeranimation des Concorde-Absturzes sowie dramatischen Bildern vom TAM-Absturz in Sao Paulo.

Der Standardsatz in der Berichterstattung war “Wir wollen ja nicht spekulieren, aber…”, um dann übergangslos in die Spekulation abzugleiten. Irgendwie mussten ja auch fast zwei Stunden Sonderberichterstattung gefüllt werden. Doch warum brauchen wir überhaupt so eine Sendung, wenn es eigentlich zu berichten gibt? Aber so wurden die Tatsache, dass die Maschine 24 Jahre alt ist, so dargestellt, als sei das prinzipiell problematisch. Dabei ist es normal, dass Flugzeuge so lange im Einsatz sind.

Als im Laufe des Tages Mitarbeiter von Germanwings nicht fliegen wollten, weil sie sich nicht flugtüchtig fühlten, wurde daraus flugs spekuliert, dass sie sich weigerten, weil es prinzipiell nicht in Ordnung mit den Germanwings-Maschinen sei. Das ist echter Qualitätsjournalismus…

Aber so richtig unterirdisch wurde es, als bekannt wurde, dass an Bord der Maschine eine Schulklasse eines Gymnasiums in Haltern gewesen sei. Man sieht vor dem geistigen förmlich den Journalistentross hektisch vom Düsseldorfer Flughafen aufbrechen und nach Haltern rasen, um das Joseph-König-Gymnasium dort regelrecht zu belagern, als dies bekannt wurde.

Es entbirgt nicht einer gewissen Ironie, wenn sich am nächsten Tag ein Reporter aus Haltern vor Ort meldet und erzählt, dass einige Schüler auf dem Weg zur Schule befremdlich reagiert hätten, weil so viele Journalisten vor der Schule seien.

Tatsächlich kennen seitdem die Medien nur noch ein Thema – Das Schicksal der 16 Schülern. Die beiden Lehrerinnen werden dabei gerne vergessen, ebenso wie das Schicksal anderen Passagiere und der Besatzungmitglieder. Dabei steht hinter JEDEM Opfer dieses Unglücks ein Schicksal.

Mittlerweile ist Tag 2 nach der Katastrophe erreicht – so richtig handfeste Informationen gibt es immer noch nicht. Aber man kann das Thema der Schüler ja schön weiter ausschlachten, wie zum Beispiel die Express das heute:

Schlagzeile Express vom 26.03.2015 - Die Unkenntlichmachung ist von mir.
Schlagzeile Express vom 26.03.2015 – Die Unkenntlichmachung ist von mir.

Also zu meiner Schulzeit war es schon so, dass in der Regel mehr Bewerber als Plätze auf einen Austauschplatz gab und dass deswegen gelost werden musste. Das ist in diesem konkreten Falle tragisch, aber steht in keinem Zusammenhang mit der Katastrophe. Aber es ist ein willkommener Anlass unverpixelte Bildern von trauernden Schülern zu veröffentlichen. Das erhöht die Auflage und lässt die Klickzahlen steigern.

Ich werde in Zukunft solche Medien meiden. Lieber warte ein paar Stunden, um vernünftig recherchierte Informationen zu erhalten. Ich möchte nicht aus Nicht-Nachrichten und Spekulationen die wesentlichen Informationen extrahieren müssen. Das ist eigentlich die aufgaben von Journalisten – das habe ich bisher immer gedacht.

In diesem Sinne
Tot ziens

Update: Mittlerweile scheint es wohl Hinweise zu geben, dass der Co-Pilot vielleicht absichtlich die Maschine in den Berg gesteuert hat. Wieder ein Anlass, den “Wir wollen nicht spekulieren, aber…”-Mechanismus in Gang zu setzen und nun das Leben des Co-Piloten ans Tageslicht zu zerren. SPON hat ja heute noch in einem langen Artikel ihre Maßgabe zum Qualitätsjournalismus erläutert und dann das:

2015-03-26 Germanwings News-Ticker_ _zensiert