#4U9525 – Die Medien-Hysterie erreicht die nächste Stufe

Gestern dachte, dass ich mit meinem Beitrag zur Flugkatastrophe der Germanwings-Maschine bereits alles gesagt hätte, was mir auf den Nägeln brannte. Doch dann der Fall eine überraschende und bestürzende Wendung. Was war passiert? Die Staatsanwaltschaft in Frankreich hat mitgeteilt, dass es danach aussähe, dass das Flugzeug bewußt und wissentlich zum Absturz gebracht worden ist – mutmaßlich durch den Co-Piloten. Diese Meldung gibt natürlich diesem traurigen Ereignis eine neue Dimension. Ich, der in keinster Weise in dieses Unglück involviert, bin fassungslos, entsetzt und natürlich traurig. Wie soll es da erst den Freunden und Angehörigen der Opfer gehen? Einschließlich den Angehörigen des mutmaßlichen Täters! Dass normalsterbliche Menschen ihren Emotionen auf Twitter und Facebook ihren freien Lauf ist bestürzend, aber verständlich. Aber von den Profis hätte ich mir dann doch etwas mehr Reflexion erwartet. Stattdessen waren die Reaktionen geradezu hysterisch – alle journalistischen Standards vergessend und teilweise sogar widerwärtig.

Den Ironiepreis des Tages bekommt Spiegel-Online. Dort wurde am Mittag noch in einem ausführlichen Artikel der Qualitätsjournalismus von SPON beschworen. Dass man lieber sorgfältig recherchieren wolle, nicht immer die schnellste sein wolle. Kurz nachdem ich den Artikel beim Mittagessen gelesen hatte, meldete sich mein Telefon mit SPON-Eilmeldungen. Offenbar war der Artikel vom Chef noch nicht bei allen Mitarbeitern angekommen. Denn im Liveblog der Ereignisse wurde der volle Name des Copiloten genannt und bereits diverse Details aus seinem Leben breit getreten – Google und Facebook sei Dank. Kurze Zeit später meldete Spiegel Online, dass man sich entschlossen hätte, nicht den vollen Namen des Co-Piloten zu nennen. Aber kein Wort, dass er eben dort schon zu lesen. Der Ursprungsbeitrag wurde stillschweigend geändert. Soweit zu den eigenen Maßstäben, die man als Qualitätsmedium gerne anlegen würde.

Qualitätsjournalismus a la Spiegel - Screenshot von der Spiegel Online
Qualitätsjournalismus a la Spiegel – Screenshot von der Spiegel Online-Seite

Doch auch wenn Spiegel-Online schnell zurückgerudert ist und sich vordergründig wieder auf die eigenen Maßstäbe besonnen hat, ficht dass einige andere Medien in keinster Weise an. Die Zeit (von der ich was anderes erwartet hatte) berichtet heute über den Co-Piloten unter Nennung des vollen Namens. Ok, und andere “Medien” haben genau so reagiert, wie ich es erwartet habe:

Die heutige Schlagzeile der BILD-"Zeitung" - Unkenntlichmachung von mir (wobei ich mich, warum ich mir die Arbeit noch mache, wenn sie sonst keine Sau drum kümmert)
Die heutige Schlagzeile der BILD-“Zeitung” – Unkenntlichmachung von mir (wobei ich mich, warum ich mir die Arbeit noch mache, wenn sie sonst keine Sau drum kümmert)

Und der sorglose Umgang mit den persönlichen Daten von Andreas L. ließ dann auch schnell sämtlichen menschlichen Abschaum aus seinen Verstecken kriechen. Kurze Zeit tauchten die ersten “Fan”-Seiten mit dem Namen des Co-Piloten auf Facebook auf. Die mit dem meisten Zulauf hatte Mittags schon 800 Likes – gestern Abend waren es 3500. Auf der Seite wurden Screenshot der privaten Facebook-Seite des Piloten gepostet und mit Beschimpfungen wurde auch nicht gespart.

2015-03-27 Facebook Fanpage
Screenshot Facebook einer Seite über den Co-Piloten

Und auch der Kölner Stadt-Anzeiger konnte nicht widerstehen, plakative Vergleiche zu ziehen:
2015-03-27 KSTA Massenmord
Dieser Teaser offenbart die Abgründe des Journalismus.
Mittlerweile stellt der Stadt-Anzeiger es so dar, dass versehentlich eine alte Version des Artikels kurzzeitig veröffentlicht wurde. Ironischerweise geht der fragwürdig eingeleitete Kommentar auch kritisch mit den Medien um:

Im Zustand der Besinnungslosigkeit befindet sich, wie zur grotesken Steigerung des ganzen Horros, auch die Medienöffentlichkeit. Nachdem die französische Justiz – so unnötig wie unverständlich – den Namen des Co-Piloten genannt hatte, setzte eine Belagerung seiner Familie ein, die standesethisch verwerflich und menschlich beschämend ist.

Wenn ich mir das so recht überlege, entziehe ich Spiegel-Online den oben erwähnten Ironiepreis und überreiche diesen an den Kölner Stadt-Anzeiger.
Und damit kommen wir zum Kern der Situation: So schlimm die ganze Geschichte ist – das ist ein ZWISCHENSTAND der Ermittlungen. Es ist nicht zu 100% gesichert. Es gibt auch kritische Stimmen laut, die die Darstellung der französischen Staatsanwaltschaft anzweifeln. Aus diesem Grund müssen wir als entsetzte Öffentlichkeit einfach mal die Füße stillhalten und abwarten, bis die Staatsanwälte alle Fakten zusammen getragen haben. Es wäre nicht das erste mal in der Geschichte der Justiz, wenn sich ein Staatsanwalt mal geirrt hätte. Um es klar zu sagen: Ich bezweifel die Darstellung nicht an – aber bevor nicht alle verfügbaren Fakten zugetragen sind, kann man sich doch kein abschließendes Urteil erlauben.

Und vielleicht denkt man mal auch an ALLE Hinterbliebenen. Die erfahren nach zwei Tagen, dass es vielleicht kein Unfall, sondern ein erweiterter Suizid war. Und die Eltern des Co-Piloten, die mit anderen Angehörigen gemeinsam nach Frankreich gereist sind in dem Bewußtsein, dass ihr Sohn eines von 150 Opfern ist, müssen nun erfahren, dass ihr Sohn nicht ein Opfern, sondern eventuell der Täter ist. Ihr Haus in Montabaur wird belagert und schön von diversen Medien gezeigt. Und was ist, wenn sich in drei Monaten herausstellt, dass es doch alles ganz anders war? Die Familie wird in dieser Stadt nicht mehr leben können. Am besten karren die werten Journalisten gleich Pflastersteine an, damit die Irren, die nun zum Haus pilgern werden, die Familie gleich vor Ort steinigen können.

Bei so viel Hysterie kann man froh sein, dass der Co-Pilot Deutscher und dazu kein Moslem war. Denn sonst würde die Hysterie noch schlimmer und Millionen von Muslime dürfen sich dann öffentlich für einen Einzeltäter entschuldigen. Wobei… einige finden auch so einen Bezug zum Islam:
2015-03-27 Facebook Hass-Post

Bei soviel menschlichen Abgründen kann ich gar nicht so viel essen, wie ich gerne kotzen würde…

In diesem Sinne
Tot ziens

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