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Ich hätt so gern noch mal Tschüß gesagt – Zum Tode von Roger Cicero

Es gibt Meldungen über den Tod von Prominenten, da hält man kurz inne und denkt: “Och!” und geht zur Tagesordnung über. Und dann gibt es Meldungen, wo man überrascht, geschockt, traurig oder alles zu gleich ist. Das ganze Leben hält an und man erinnert sich an viele Momente, wo diese Prominente in irgendeiner Form Einfluss auf das eigene Leben hatten. Und wo es irgendwie unbegreiflich ist, dass diese Menschen nicht mehr da sind. Der Tod von Loriot im Jahr 2011 war für mich ein solcher Fall. Aber irgendwie scheint die zweite Kategorie in den letzten Monaten verstärkt aufzutreten. Der Tod von Lemmi war so ein Einschnitt, weil Lemmi für mich irgendwie schon immer da war. Der Tod von David Bowie sowie, da China Girl eine meiner ältesten Formel-Eins-Erinnerungen ist. Auch mit Glenn Frey ist nicht nur der Sänger der Eagles gestorben (als solchen habe ich ihn nie bewusst wahr genommen), sondern auch ein Star der 80er, der mit “The Heat is on” einen großen Hit gelandet hatte. Auch Keith Emerson ist vor wenigen Wochen verstorben. Und außerhalb der Musik haben uns in der letzten Zeit viele große Namen verlassen: Roger Willemsen, Peter Lustig, Hannes Löhr, Guido Westerwelle, Lothar Späth, Johan Cruyff,… Und irgendwie möchte man sagen: Stop, jetzt reicht es! Aber offenbar hat der, der den großen Plan hat do oben, noch nicht genug Weltklassemusiker zu sich geholt. Noch war die Band nicht komplett, denn wie heute bekannt wurde, ist nun auch Roger Cicero nicht mehr unter den Lebenden. Gestorben mit nur 45 Jahren.

Seit seiner ersten CD “Männersachen” war ich ein großer Fan seiner Musik, weil er etwas neues gemacht, das es vorher so nicht gab: Swing mit deutschen Texten. Und dazu noch wahnsinnig witzige Texte. Die Zeitschrift “Emma” hat seinerzeit eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass Ironie in Deutschland einen äußerst schweren Stand hat, indem sie Roger Cicero den “Pascha des Monat” verliehen hat. Dabei war er kein Macho, sondern die Texte nahmen die Beziehungen und Verwirrungen zwischen Mann und Frau satirisch auf die Hörner. Ich habe schon früh ein Konzert besucht, kurz bevor der große Hype um ihn los ging. Da war mir schon klar, dass dies ein außerordentlich talentierter Sänger mit einer großartigen Stimme war. Und er zusammen mit seiner Big Band eine Truppe grandioser Musiker darstellte, die live erst so richtig loslegen konnten. Während die Stücke auf den CD’s überwiegend radiotauglich waren, konnte er bei den Konzerten seine Jazzausbildung so richtig unter Beweis stellen und so entstand eine einmalige Kombination von Swing mit Pop- und Jazzelementen. Begleitet von Musiker, die ihre Instrumente virtuos beherrschten, sprang der Funke schnell auf das Publikum über, wie ich das nur selten erlebt habe. Und so blieb es nicht nur bei dem kleinen schnuckeligen Konzert in der Tonhalle, sondern so sahen wir ihn mit dem gleichen Programm nur wenige Monate später in einer ausverkaufen KölnArena.
Die Nachfolge-CD “Beziehungsweise” war in jeglicher Hinsicht ein würdiger Nachfolger von “Männersachen” und sie ist nur deshalb seiner Zeit nicht direkt von Null auf Eins in die deutschen Albumcharts eingestiegen, weil zeitgleich die neue CD von Mario Barth heraus kam. So blieb nur Platz zwei, aber immerhin war es die erfolgreichste Musik-CD in jener Woche. Es folgten einiger Konzerte (Aachen, Oberhausen, natürlich Köln und zu guter letzt Nideggen). Und obwohl das Programm immer ähnlich war, war jedes Konzert ein neues Erlebnis, weil Roger in den Jazzparts auch immer noch Varianten einbaute. Und hier merkte man auch, dass dies sein musikalisches Zuhause war. Leider entwickelte sich seine Musik mit den folgenden CD’s eher in Richtung Schlager, so dass meine Leidenschaft für seine Musik abkühlte. Zu der Artgerecht-Tour habe ich nur ein Konzert besucht. Ein eher ambivalentes Erlebnis. Trotzdem blieb er für mich ein Sänger mit einer Stimme, die hierzulande seines Gleichens sucht. Und obwohl mich seine neueren CD’s nicht packten, habe ich von weiteres musikalisches Wirken weiter verfolgt. Er konnte mit seiner Art zu singen, anderen Stücken seinen unverwechselbaren Stempel aufdrücken. Das mag dem geneigten Leser vielleicht merkwürdig vorkommen, aber bei dem Kinder-CD-Projekt “Giraffenaffen” ist das eindrucksvoll zu hören. So wie er “Die Affen rasen durch den Wald” gesungen, so konnte das nur er. Und bei der ersten Staffel von “Sing meinen Song” haben seine Versionen zwar nie den Tagessieg erreicht, aber auch hier machte er die Stücke der Kollegen zu “seinen” Stücken. Und bevor mit der Ausstrahlung der Sendung der steile Aufstieg des Gregor Meyle begann, hat er ihn eingeladen ihn auf seiner Tour zu begleiten. Inzwischen hat Roger Cicero auch wieder verstärkt Jazz gespielt und nach einem denkwürdigen Konzert bei den Leverkusener Jazztagen mit der “Roger Cicero Jazz Experience” hatten wir auch wieder beschlossen, ein Konzert mit seiner Big Band zu besuchen. Das Ergebnis war eher enttäuschend. Das beste war Gregor Meyle als Vorband und die alten Stück von Roger. Mit den neuen Lieder hat er mich einfach nicht abholen können. Als ich dann hörte, dass er ein Sinatra-Tribute-Album machen würde, habe ich das freudig zur Kenntnis genommen, denn ich war mir sicher, dass dies wieder ein Volltreffer werden würde. Denn hier ist er wieder zu seinen Wurzeln zurückgekehrt und das Album war in der Tat ein fantastisches Stück Musik. Gerne hätte ich diese Show Live gesehen und der einzige Trost ist, dass ich seiner Zeit das Konzert im Fernsehen aufgenommen habe, und weil ich noch keine Zeit hatte, schlummert dieses Kleinod von Musik noch auf meiner Festplatte und wartet nur darauf, dass ich mir das Konzert irgendwann in aller Ruhe anschauen kann.
Roger ist bereits am Donnerstag, dem 24.März 2016, den Folgen eines Hirnschlages erlegen. Für alle überraschend und schockierend. Und es wird einige Zeit brauchen, bis sich die Erkenntnis durchsetzt, dass man diese sagenhafte Stimme nicht mehr live wird hören können.
Viele haben heute Musik von Roger Cicero in ihren Profilen verlinkt – meist die Balladen “Ich hätt so gern noch Tschüß gesagt” oder “Wenn es morgen schon zu Ende wär”. Textlich passend, aber ich möchte zum Schluß bewusst einen Kontrapunkt setzen und verlinke hier ein (qualitativ vielleicht nicht das beste) Live-Video von der Beziehungsweise-Tour – Das Experiment. Es ist eines der besten Swingstücke und war auf der Beziehungsweise-Tour immer der Höhepunkt des Konzertes. Schon allein wegen des unfassbar guten Hammond-Orgel-Solo von Lutz Krajenski. Ich denke, das zeigt eindrucksvoll, was die Konzerte seinerzeit ausgemacht haben.
So bleibt mir am Ende dieses Artikels nur noch zu sagen: Danke, Roger, für die tolle Musik, die Du uns geschenkt hast! Und rock bitte mit Lemmi und David da oben so richtig ab. Und überzeug den Big Boss, dass er nun endlich genug gute Musiker da oben hat. Hier unten können wir noch ein paar von Deinem Schlag gebrauchen!
Tschüß, Roger!

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